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Erfahrungsbericht eines behinderten Stiefvaters Diesen Text vorlesen lassen

Erfahrungsbericht eines behinderten Stiefvaters

Vom 15.-17.Juni 2001 nahmen wir an einem Seminar für behinderte Eltern in Uder (Thüringen) teil. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus dem gesamten Bundesgebiet und alle erdenklichen Konstellationen waren anwesend. Behinderte, die mit einem nichtbehinderten Partner oder Partnerin zusammen waren und Behinderte mit Behinderten.


Während des Seminars entwickelte sich ein reger Austausch von Erfahrungen und jeder konnte von dem nächsten profitieren. Festzuhalten bleibt, das die dort angesprochenen Probleme einen repräsentativen Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft darstellen und das ein Seminar nicht ausreicht um alle Probleme anzusprechen. Als allgemein schön empfunden wurde, daß diesmal so viele kleine Kinder mit dabei waren und daß sie so wunderbar von den mit angereisten Helferinnen betreut wurden. Kritisch anmerken möchte ich, daß auch diesmal wieder keine behinderte Stiefmutter oder behinderter Stiefvater an diesem Seminar teilgenommen hatte, deshalb fühlte ich mich von ein paar Inhalten nicht angesprochen. Aus diesem Grund nutze ich jetzt dieses Medium, um einmal von der schweren und schwierigen Aufgabe, die Stiefeltern übernommen haben zu berichten.

Als ich meine Frau kennenlernte, war ihr Sohn bereits sieben Jahre alt und sein leiblicher Vater war schon zwei Jahre auf und davon. Die Situation, die ich damals vorfand war nicht dramatisch, aber doch etwas schwierig. Die persönliche Assistenz, die zu der Zeit meine Frau betreute, war sehr tief in die Beziehung zwischen Mutter und Sohn einbezogen und dieses führte teilweise zu schweren Auseinandersetzungen. Häufiges bevormunden und viele Streitigkeiten waren die Folgen dieser Beziehung. Mitten in diese Problematik tauchte ich plötzlich auf und war selbstverständlich nicht nur von ihrem Sohn, sondern auch von ihrer Assistenz unerwünscht.

Der siebenjährige Junge betrachtete mich als einen Eindringling, der ihm seine Mutter wegnehmen wollte. Für seine Kämpfe gegen mich, ausgelöst durch seine Eifersucht, hatte ich großes Verständnis, aber ich habe auch gelernt, daß man in einer solchen Situation nicht aufgeben darf und das Kind mit in die Beziehung integrieren muß. Seine große Angst, von allem nicht genug zu bekommen machte mir ganz große Probleme, denn wir unternahmen alles, um ihn zufrieden zu stellen. Eine Variante woher diese Angst kommen konnte war z.B. daß er den Verlust seines leiblichen Vaters nicht Verkraften konnte und deshalb in materiellen Dingen einen gewissen Ersatz sah. Er sendete auch Alarmsignale, die auf eine schlechte innere psychologische Verfassung hinwiesen und deshalb suchten wir Rat bei einer Kinderpsychologin.

Drei Jahre dauerte seine Therapie und auch wir als Eltern führten viele zahlreiche Gespräche mit dieser Frau. Die Biographie des Jungen zeigt deutlich, daß gewisse Lebensumstände, die aufgrund der besonderen Situation nicht zu vermeiden gewesen sind. Ständiges Wechseln der Assistenz seiner Mutter und das Miterleben, daß sich sein Vater immer mehr in die Isolation zurück zog, können ein Kind in den ersten 5 Lebensjahren schwere psychische Schäden zufügen. Während dieser Zeit wurde mir meine Rolle als Stiefvater erst so richtig bewußt. Meine Aufgabe sah ich nicht darin, den Vater zu verdrängen und an seine Stelle zu treten, denn ich erkannte, daß der Widerstand des Jungen, mich als solchen zu akzeptieren, u groß war. Da blieb nur die Möglichkeit, ihm meine Freundschaft und Hilfe anzubieten und geduldig an unserer Beziehung zu arbeiten. Daß dieses von vielen Tiefen und Krisen begleitet wurde kann sich bestimmt jeder denken. Zweifel über die Richtigkeit meiner Rolle kamen zwischendurch immer wieder hoch und der Austausch von Aggressionen brach von Zeit zu Zeit immer wieder mal durch. Er erinnerte mich auch immer wieder daran, daß ich nicht sein Vater wäre und daß ich ihm nichts zu sagen hätte.

Grenzenlose Wut stieg jedesmal wieder in mir hoch und meine Verzweiflung über meine Behinderung und Hilflosigkeit brachten mein Blut zum kochen. Trotz vieler, vieler kleiner Attacken und Streitigkeiten rauften wir uns immer wieder zusammen und ich überlegte, was ich dem Jungen trotz oder gerade wegen meiner Situation anbieten konnte. Fußballspielen, Fahrradfahren und andere sportliche Aktivitäten waren mit mir nicht zu machen, also besann ich mich auf meine Fähigkeiten. Das Erzählen von langen und spannenden Geschichten gehörte zu einer von diesen und er konnte erstaunlich lange zuhören. Das war die Zeit, in der wir uns innerlich näher kamen und später weiteten wir unsere gemeinsamen Aktivitäten auf das Spielen mit dem Computer aus. Während des spielen mit dem Computer entwickelte er erstaunliche Fähigkeiten, denn er war ja nicht nur Mitspieler sondern er übernahm ich noch die komplette Assistenz von mir ohne der ich nicht in der Lage gewesen wäre, mit dem Computer zu spielen. Manchmal kam es dabei zu enormen Spannungen zwischen uns, denn auch ich entwickelte den Ehrgeiz nicht zu verlieren und manchmal fühlte ich mich von ihm falsch oder schlecht assistiert. Wohlwissend, daß er mit dieser Doppelrolle überfordert war meckerte ich oft herum.

Im Laufe der Jahre entwickelten wir nie die typische Vater und Sohn Beziehung, aber dennoch wage ich es zu behaupten, daß wir ein tiefes Miteinander geschaffen haben, welches dieser doch sehr nahe kommt. Aus eigenen Erfahrungen mit meiner Stiefmutter weiß ich ganz genau, daß die richtigen Eltern durch niemanden zu ersetzen sind, so sehr sich Stiefeltern auch abstrampeln. Wenn aber wie in meinem Fall zu dem Stiefvater sein auch noch eine Behinderung hinzukommt, kann die Arbeit um Anerkennung und Integration in der Familie zu einer Lebensaufgabe werden. Die tiefe Liebe zu seiner schwerbehinderten Mutter war und ist heute noch das wichtigste in seinem Leben. Mir ist es nie in den Sinn gekommen, diese Beziehung in Frage zu stellen, auch wenn ich zugeben muß, dass es manchmal sehr schwer auszuhalten ist nur, die dritte oder vierte Geige zu spielen. Wenn ich aber im gleichen Atemzug an meine eigene Geschichte zurück denke, dann kann ich feststellen, daß meine Stiefmutter für mich überhaupt keine Geige spielte.

Das Vertrauen, welches sich zwischen meinem Stiefsohn und mir in all den Jahren entwickelt hat, beweist sich dadurch, daß wir über viele Probleme miteinander sprechen können. Es verschafft mir ein hohes Maß an Zufriedenheit, daß er lieber Themen wie zum Beispiel Mädchen, Liebe und Sexualität mit mir bespricht als mit seiner Mutter.

Es ist gut, daß man auf viele Fragen, die das Leben stellt, keine endgültigen Antworten erhält.
Ich danke jedenfalls Gott, daß er mir diese Aufgabe zugemutet hat und mich niemals im Stich ließ. Das Erziehen von Kindern, auch wenn es nicht die eigenen sind, ist eine sehr schöne und wichtige Aufgabe. Der Beweis, daß das auch behinderte Menschen gut können, ist überall in unserer Republik anschaulich.

Nur Mut an alle die noch zweifeln, ganz besonders an die behinderten Männer.

Klaus Poll
August 2001

 

Herausgegeber: Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern e.V.
Copyright © 2001, Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Vereins gestattet.

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